Eine Bilanz der Mahnwache für den Frieden – warum und wie der Neubeginn ?

In einer kritischen und selbstkritischen Betrachtung des ersten Jahres versuche ich nicht nur Mißverständnisse aus dem Weg zu räumen, sondern vor allem ein Maximum an positiver Erfahrung aus diesem Jahr zu gewinnen.

Vorausschicken möchte ich anstelle der „alten“ Orga mein Bedauern über viele falsche Entscheidungen und destruktive Auseinandersetzungen, was viele Menschen sich von der Mahnwache für den Frieden abwenden ließ. Dies ist ein längerer Text und ich bitte dich trotzdem, ihn zu lesen. Vor dem politischen Hintergrund will ich die Entwicklung der Mahnwache für den Frieden Karlsruhe einschätzen.

Es begann mit dem Krieg in der Ukraine: Die Mahnwachen begannen im Bewußtsein, dass mit dem Ukraine-Konflikt die Konflikte in der Welt nicht mehr vor den Türen Europas halt machen, sondern hierher zurückkehren, wo die Ursachen vieler Konflikte begründet sind. In eine BRD, die im Schlepptau der USA mit politischer Einflußnahme und militärischen Aggressionen (Afghanistan, Rüstungsexporte nach Nahost, Kriegsdrohnen von Ramstein und Stuttgart aus) als auch mit ungezügeltem wirschaftlichen Wachstumswahn zusammen mit den anderen Industrienationen das politische und natürliche Weltklima gefährden. Alles Ursachen, die dann zu Krieg um Ressourcen, um Öl und Wasser, zu Hunger, Invasionskrieg und Terror führen und Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertreiben.

Vor diesem Hintergrund und angesichts der Illoyalität unserer Regierung, kann eine Veränderung nur erreicht werden durch das gemeinsame Wirken unterschiedlich denkender und fühlender Menschen. Es war die Vorraussetzung und die Vision, dass mit den Mahnwachen eine gemeinsame Anstrengung unterschiedlichster Menschen und Anschauungen für den Frieden entstehen konnte. Diese Gemeinsamkeit umfasst Menschen aus dem religösen, spirituellen Bereich, bis hin zu Menschen, die die Rechtsstaatlichkeit der BRD in Frage stellen. Und diese umfassende Gemeinsamkeit der 99% werden wir auch künftig benötigen, um eine friedliche Umkehr in unserem Lande zu bewirken. Es ist Phantasterei, wir könnten dies als 1 oder 2 % der Bevölkerung zustande bringen.

Die nächste Herausforderung nach der Ukraine: Angesichts der verschiedenen „Pegiden“ und der immer größeren Flüchtingskatastrophen gab es einzelne Stimmen auch in der Facebook-Gruppe der Mahnwache, deren Anliegen nicht die Hilfe der Menschen in Lebensnot, sondern die Warnung und Phobie vor dem „Fremden“ war. Gleichzeitig wurden kriegsverherrlichende Links der „Wehrmacht“ vom Koordinator der alten Facebook-Seite völlig unkritisch gepostet. Diesen Negativ-Trend stoppten die Aktiven der Mahnwache, indem sie eine neue Face-Book-Seite „Mahnwache für den Frieden“ einrichteten und vor allem, indem Sie eine Grundlage friedlicher Verständigung erarbeiteten. Dieses Dokument nennt sich Selbstverständnis der Mahnwache für den Frieden.
Siehe
http://www.mahnwache-karlsruhe.de/

Status heute: Es ist bislang noch nicht gelungen, eine Gemeinsamkeit des Willens in der kritischen, friedlichen Bewegung in Karlsruhe zu erreichen, geschweige denn 99% der Menschen für eine positive Alternative und friedliche Vision zu gewinnen. Seit dem 4. Mai kommen die Aktiven der Mahnwache für den Frieden zusammen und beraten freundschaftlich, wie dieses Problem gelöst werden kann.

Ein paar Etappen in der Entwicklung

Die Mahnwache für den Frieden entstand auf das Drängen von Heiderose und Franz und trat zuerst als Friedensproklamation auf. Ich selbst erklärte mich den beiden gegenüber bereit, dies zu unterstützen, drängte aber von Anfang an darauf, in der Koordination und Vorbereitung möglichst viele der Friedensaktivisten einzubeziehen. Dies gelang trotz Schwierigkeiten und wir führten unsere Vorbereitungen in großer Runde durch. Dies sehe ich auch heute als Erfolg.

In der Folge führte die Unterstützung eines Musikers zu Schuldzuweisungen unterlassener Hilfe. Auch die Auseinandersetzung über den Verbleib der gesammelten Spenden entwickelte nach und nach Mißtrauen, eine insgesamt unfreundschaftliche, voreingenommene Stimmung, die auch mein Denken und Empfinden negativ beeinflußte. Ein Aktiver brachte es auf den Punkt: da herrscht Krieg und nicht Frieden unter euch.

Nächste Etappe: Jürgen Elsässer

Gegen meine Kritik wurde von F. und H. Jürgen Elsässer als Redner eingeladen. Für viele war dieser Redner nicht geeignet und zumindest der Zeitpunkt zu Beginn der Mahnwache eine zu große negative Belastungsprobe. Die Veranstaltung wurde erwartungsgemäß von Antifas gestört und die Akustikanlage von ihnen lahmgelegt. Ihre Aktion richtete sich also gegen die gesamte Versammlung der Teilnehmer und NICHT gegen die Aussagen dieser Person. Allgemein entstand eine größere Entrüstung über die Antifas als eine Befremdung über die Einladung von J.E.

Die Konfrontation war sehr schräg angelegt – Antifa gegen 300 friedlich Versammelte. Auch mir war damals der Blick versperrt, mich zu fragen, was bewegt die Antifas. Ist es nicht unsere Aufgabe, uns in die Lage des anderen hinein zu versetzen? Setzen wir uns denn nicht die Aufgabe, einen Spürsinn für friedliche und gewaltfreie Kommunikation zu entwicklen? Selbstkritisch stelle ich fest, dass ich dies nicht sah und die Einladung verhinderte. J.E. hätten wir damals Nie und Nimmer einladen dürfen. Denn diese Art von „Publizität“ wirkte wie eine Provokation. Sie war ein Stich gegen die Bereitschaft friedlicher Kommunikation in Karlsruhe.

Warum berichte ich von diesen zwei Geschehnissen?

Beide Vorgänge erzeugten Mißtrauen. Vorurteile wurden gezüchtet. Anstelle offener Kommunikation entsteht ein Klima der Verurteilung. Das Hächeln nach Publizität auch durch provokante Auftritte und die gleichzeitige Selbstdarstellung einiger Weniger anstatt der demokratischen Beteiligung vieler schafft keinen Frieden. Es zerstört den Boden für eine freie, offene, freundschaftliche Atmosphäre. Es nährt den Spaltpilz unter den Menschen, anstatt sie zu einen.

Die Selbstdarstellung einzelner anstelle der breiten Entfaltung aller wirkt in solchen freien Bewegungen wie Gift. Das gleiche soziale Gift, welches in unsere Gesellschaft durch die Bevormung von Staat und Parteiinteressen die Entmündigung der Allgemeinheit der Bürger bewirkt. Hiergegen trat ich schon immer an und wünsche sehr, dass die Mahnwache für den Frieden künftig wirklich der Ausdruck des Willens und des Wirkens Aller ist.

Genau diese Gedanken haben wir im Selbstverständnis der Mahnwache beschrieben:


Seien wir friedlich und tolerant! Lasst uns die Friedensarbeit in uns beginnen und innere Konflikte nicht gegen andere richten. Lasst uns den Menschen in jedem Mensch erkennen und anerkennen. Lasst uns Brückenbauer sein und alle Grenzen in uns und zwischen uns überwinden.

Seien wir ehrlich und respektvoll! Geben wir zu, unser Wissen ist ein Tropfen und unser Nichtwissen ist ein Ozean. Lasst uns gegenüber dieser Welt und Allem und Jedem gegenüber dankbar und respektvoll sein. Lasst uns versuchen zu verstehen anstatt zu verurteilen. Lasst uns die Wahrheit suchen in dem Wissen, dass wir die EINE Wahrheit nicht finden werden.

Einen ersten Schritt zu einer freundschaftlichen und offenherzigen Aussprache unternahmen wir bei „Wegtanzen – Kargida“ am 19.Mai auf dem Friedrichsplatz. Wir sprachen mit vielen der dort Anwesenden, wir hielten uns auch an den Wunsch unsere Flyer dort nicht zu verteilen und fanden ein positives Klima der Bereitschaft des Zuhörens, des Nachempfindens und Verstehens vor.

Natürlich trafen wir unter den vielen, die gegen den Kargida-Aufmarsch protestierten auch einige wenige, deren Anliegen in Vorverurteilung und pauschaler Verurteilung von Personen besteht. Ein System von kleinen Falschdarstellungen und Halbwahrheiten mitsamt Nachplappern und Weitersagen. Allesamt Erscheinungsweisen von Energien, die wie die Hefe im Teig einen Spaltpilz unter die Menschen tragen. Spießerische Feindschaft und Nachstellung anstelle Bereitschaft zum Dialog. Wir sagen:
Lasst uns Brückenbauer sein und alle Grenzen in uns und zwischen uns überwinden.

Man hätte schon früher …

Warum mussten wir jetzt die Reißleine ziehen – warum konnten wir es erst jetzt tun? Die Antwort liegt in dem unpersönlichen Wort „man“! Wenn alle warten, dass „man“ etwas tut, dann passiert nichts. Ein Beispiel aus dem Fussball, auch für Nicht-Fußball-begeisterte. Eine Spielergemeinschaft, die auf dem Platz nicht harmoniert, die wie gelähmt sich gegenseitig Vorwürfe macht oder frustriert und kleinmütig sich immer mehr einschränkt. Zuschauer, die den elenden Zustand der Mannschaft nicht begreifen, und das Unvermögen als Beleidigung ihres Kommens verstehen und wie im alten Rom ihrer Enttäuschung als Zaungäste kund tun.

Eine solche Situation entsteht, wenn sich der/die Einzelne nicht als gleichwertigen Teil einer Gemeinschaft versteht. Eher als Zuhörer und Konsument.

Unsere Mahnwache für den Frieden kann nur die Energie entwickeln, die von uns allen kommt. Frieden kann nur durch uns selbst entstehen, indem wir uns einbringen. In der oben geschilderten Situation des Mißtrauens und des Frusts in der Mahnwache, war lange Zeit der Rückzug aus Unbehagen die einzige Antwort.

Was uns selbst hindert, als Teil des Ganzen Widerstand zu leisten, ist der Mut zu uns selbst, ist das Vertrauen in uns selbst und die Anderen. Niemand und ich schließe mich hier nicht aus, hatte genug Vertrauen in die Anderen, um nicht schon früher „Stop“ zu sagen. Gegenseitiges Vertrauen und Zivilcourage sind zwei Elemente, die einfach zusammen gehören.

Flüchtlingstragödie und die „…kar-pe-giden“

Bei Gesprächen in den Montagstreffen als auch in Facebook über die sogenannten „Hogesa“ und „…giden“ wuchsen unsere gegensätzlichen Ansichten in der Mahnwache. Einige wenige erzeugten eine unterschwellige Phobie gegen „Fremde“ und warben um ein gewisses Verständnis für Inhalte der „…giden“, während die große Mehrheit die Hilfe für alle Flüchtlinge einforderte und diese feindselige Losung „gegen die Islam….“ als unvereinbar mit den Zielen der Mahnwache empfand. Zum Überlaufen der Toleranzgrenze in der FB-gruppe brachten es schließlich Einträge von F , der kriegsverherrlichende FB-Seiten der „Wehrmacht“ vollkommen kritik- und kommentarlos verlinkte. Alle die diese ominösen Kommentare und Links kritisierten, wurden von F in „seiner“ administrierten FB-Gruppe zur Ordnung gerufen.

Am 4.Mai trafen sich die Aktiven der Mahnwache, die diesen Zustand verändern wollten. F hatte sich entschuldigt und erschien seit dieser Zeit kein weiteres Mal auf der Mahnwache. In unseren Treffen erkannten wir sehr große Übereinstimmung in unseren Erfahrungen über die Konflikte, das entstehende Mißtrauen, mangelnde Courage und die mit der Mahnwache unvereinbaren Vorgänge. Wir präzisierten gemeinsam und sehr gründlich unser Selbstverständnis und versuchen nun gemeinsam mit allen Friedenswilligen einen neuen von allen getragenen konstruktiven Neubeginn.

Wir wollen so handeln, dass alle teilhaben. Wir wollen keine Werbeveranstaltungen mit „provokanten“ Personen, wir wollen von innen heraus wachsen. Wir wollen nicht mehr, dass enige wenige, die Zeit, Geld und sonstige Ressourcen zur Verfügung haben, die Mahnwache dominieren.

WIR – das sind ALLE!

Zuletzt sei noch darauf hingewiesen, dass sämliche Spendengelder noch in der Verwaltung von F sind. Wir gehen aber davon aus, dass sie der Mahnwache wieder ausgehändigt werden.

Mit friedlichen und hoffnungsvollen Grüße Wolfgang